
Obedience: ein Denksport auch für Retriever
Obedience ist eine in Deutschland recht junge Sportart, die jedoch immer mehr Anhänger findet. In vier verschiedenen Klassen muss der Hund „Gehorsam“ zeigen, indem er verschiedene Aufgaben zu absolvieren hat, die auf folgenden Schwerpunktaufgaben basieren:
– Fußarbeit mit und ohne Leine in verschiedenen Tempi nach Ansage
(kein Schema)
– Apport (Metall, Holz, Richtungsapport)
– Schicken auf Anweisung in ein 3m x 3m großes Quadrat
– Abrufen (später mit Stehen und Abliegen auf dem Weg zum Hundeführer)
– Sitz, Platz und Steh aus der Bewegung
– Bleib Übungen in der Hundegruppe
– in höheren Klasen die Identifizierung eines Gegenstandes, der nach dem
Hundeführer riecht
– Distanzkontrolle der Positionen „Sitz, Platz, Steh“
Bei diesen Aufgaben geht es jedoch viel mehr als um das reine „gehorsame“ Absolvieren der Übungen. In den ersten Klassen ist mit dem „Begleithundgehorsam“ meist noch eine gute Punktzahl zu erreichen, in den höchsten beiden Klassen wird jedoch an die Konzentration, Ausdauer und Genauigkeit des Hundes ein hoher Anspruch gestellt.
Die Sportart mag vielen Retrieverfreunden noch unbekannt sein und viele haben Bedenken, dass sich die Obedience-Perfektion und Dummyarbeit und/oder jagdliche Arbeit mit dem Retriever widersprechen bzw. Probleme durch das Betreiben beider Beschäftigungen ergeben. Hierbei sind einige Tipps eine gute Hilfe, damit der Hund durch klare Rituale unterscheiden kann, was von ihm verlangt wird und somit keiner der beiden Ausbildungswege leiden muss.
1. Unterschiedliche Kommandos vor allem für die Fußarbeit (z.B. „heel“
für perfektes Fußgehen, dabei hochschauen, „Fuß“ für Fuß gehen bei der
Dummyarbeit, Fokussierung nach vorn/in die Umgebung)
2. Nutzen einer anderen Leine (Moxon beim Dummytraining)
3. Andere Abgabe und Kommando für den Apport
4. Nutzen der Pfeife im Dummytraining (fehlt im Obedience komplett)
Vor allem im Aufbau eines jungen Retrievers stellt Obedience eine gute Grundlage dar. Der Hundeführer muss lernen und verstehen, wie komplexe Übungen strukturiert aufgebaut werden und den Hund viel belohnen. Der Hund soll die Übungen freudig und schnell ausführen. Dabei soll er eine gute Körperbeherrschung und eine starke Bindung mit großer Aufmerksamkeit erlernen. Dies vereinfach vor allem bei sehr schnellen und hochmotivierten (triebstarken) Hunden später in der Dummyarbeit einiges, da der Hund eine sehr gute Basis hat, auf der aufgebaut werden kann. Da der Hund „im Kop bei Frauchen ist“, werden viele Probleme weniger stark auftreten und besser kontrollierbar bleiben.
Die Vielfältigkeit und erwartete Genauigkeit der Übungen erfordert einen strukturierten Trainingsplan, der vor allem folgende Dinge berücksichtigt:
1. Welche Motivation soll eingesetzt werden? Die Motivationslage des Hundes
beim Erlernen von neuen Dingen sollte weder zu hoch, noch zu niedrig
gehalten werden
2. Welche Zwischenschritte benötige ich? Diese sollten sehr klein gewählt
werden, jedoch strukturiert den Hilfenabbau umfassen.
3. Wie schnell steigere ich den Anspruch an den Hund? Geschieht dies zu
langsam, wird es langweilig, geschieht es zu schnell, wird das Verhalten
nicht sicher erlernt
4. Wo sollte der Hund bei der Übung belohnt werden? Wie kann ich
gewährleisten, dass ich mit meinem Timing schnell genug bin?
Hierbei ist der Clicker oder ein klassisch konditioniertes Markerwort
unverzichtbar.
5. Wann kann ich das Kommando für das erlernte Verhalten einführen?
6. Verschiedene Ablenkungen sollten mit eingebaut und trainiert werden.
7. Abbau der Belohnung, beziehungsweise Erhöhen der Anforderungen an
den Hund, bis er eine Belohnung bekommt.

Vorteilhaft an der Sportart ist, dass sie mit wenig Equipment fast überall ausgeführt werden kann. Man benötigt ein Bringholz, 4 Spielzeugpylonen und ein Gurtband um die so genannte „Box“ abzugrenzen sowie später Geruchshölzer. Bewaffnet mit vielen tollen Leckerchen, dem Hund und guter Laune, kann es dann auch schon losgehen. Hier ein kurzer Überblick über einige Übungen im Obedience:
Die so genannte „Box“ ist ein Viereck von 3mx3m Größe, in das der Hund voraus geschickt werden und erst gestoppt und dann ins Platz gelegt werden muss.
Die Geruchsunterscheidung ist eine Übung, bei der der Hund ein kleines Hölzchen von 2cm Kantenbreite und 10cm länge, welches nach dem Hundeführer riecht, aus 6 anderen, neutral riechenden Hölzern identifizieren und bringen muss.

Es gibt verschiedene Abrufübungen, bei denen der Hund in den höheren Klassen auf der Strecke zum Hundeführer mit Wort ODER Handzeichen ins Steh und Platz gebracht werden muss.
Steh, Sitz, Platz aus der Bewegung sind weitere Übungen, dabei muss der Hund die Positionen sauber halten, während der Hundeführer ihn in einem Abstand von 8m in einem Quadrat umgeht.
Bringhölzer aus Metall und Plastik oder Holz müssen zu ebener Erde und über eine Hürde apportiert werden, eine Aufgabe, bei der die Retriever sich meist wenig schwer tun.
Die Distanzkontrolle stellt einen hohen Anspruch, hier muss der Hund die Positionen „Steh“ , „Sitz“ und „Platz“ zeigen, ohne sich dabei vor oder zurück zu bewegen.
Bei Fußarbeit wird vom Hund viel erwartet: er muss eng neben dem Hundeführer laufen, auf der korrekten Höhe, gerade in seiner Körperausrichtung sein, muss hoch schauen, muss alle Bewegungen seines Hundeführers mitmachen, sich an die perfekte Stelle setzen, wenn dieser anhält und seine Gangart in dieser Position ändern können. Viele Interessenten des Sports können sich nicht vorstellen, dass dies auch ohne traditionelle Ausbildungsmethoden möglich ist. Leider fehlt es meist an der Geduld des Hundeführers, der schnell weite Strecken laufen möchte, bevor der Hund sein Bild von der Fußarbeit gefestigt hat. Der Hund sollte zunächst über einige Monate hinweg die Chance bekommen, erst ca. 5 Schritte bei Fuß zu laufen und hierbei perfekt zu verstehen, was von ihm erwartet wird. Denn auch ein falsches Bild prägt sich im Kopf des Hundes ein, so kann der Hund bei wenig Anspruch an ihn die falschen Dinge (zum Beispiel schiefes bei Fuß gehen, wegschauen) mit abspeichern und diese „Datenfehler“ sind nur sehr mühsam wieder abzutrainieren. Es lohnt sich also, eine fundierte Grundausbildung zu durchlaufen, um am Ende ein gutes Fundament zu haben. Die Trainer sollten sich bemühen, mit der Zeit zu gehen und aktuellere Methoden anzuwenden und freundlich und respektvoll mit dem Hund umgehen und dabei seine Bedürfnisse zu berücksichtigen. Ehrgeiz im Sport und Respekt vor dem Hund müssen sich nicht widersprechen, und immerhin geht es dabei ein vom Hundeführer gewähltes Hobby. Somit sollte die Freundlichkeit und Fairness gegenüber dem Teampartner Hund im Vordergrund stehen.
© Imke Niewöhner obedience-training.de
Bilder: Melanie Schubert